Überprüfung der Therapie

Um zu beurteilen, ob die mit der Therapie erzielte Blutzuckerkontrolle ausreichend ist, können verschiedene Untersuchungsverfahren angewendet werden. Die wichtigste Methode ist die regelmässige Bestimmung des Langzeitblutzuckerwertes, des HbA1c. Diese wird häufig ergänzt durch die Blutzuckerselbstmessung des Patienten. Die früher regelmässig durchgeführte Messung der Zuckerausscheidung im Urin spielt heute keine Rolle mehr.

Bevor wir uns weiter mit den verfügbaren Tests beschäftigen, sollten wir uns aber zunächst fragen, welches Ziel wir verfolgen, wenn wir eine Stoffwechselkontrolle durchführen.

Ziel der Stoffwechselkontrolle

Warum sollte es uns überhaupt interessieren, ob unser Blutzucker vernünftig kontrolliert ist? Die Frage ist eher rhetorisch, denn natürlich geht es letztlich darum, das Auftreten von Folgeschäden des Diabetes möglichst zu verhindern. Und eines wissen wir aus zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen: Das Auftreten der "mikroangiopathischen" Komplikationen der Zuckerkrankheit, also der Augen-, Nieren- und Nervenschäden des Diabetes, lässt sich durch eine blutzuckersenkende Therapie entscheidend beeinflussen. Je näher an der Norm der Blutzucker eingestellt ist, desto geringer ist das Risiko, an diesen Störungen zu erkranken.

 

Wir kontrollieren den Stoffwechsel also, um die Therapie solange immer weiter zu verbessern, bis ein ausreichender Schutz vor mikroangiopathischen Folgeschäden erreicht ist. Stellen wir fest, dass der Stoffwechsel noch nicht ausreichend kontrolliert und dieses Ziel noch nicht erreicht ist, muss die Therapie umgestellt werden! Die Einstellung zu überprüfen, und das Ergebnis dann nur zu archivieren, ohne unmittelbare therapeutische Konsequenzen daraus zu ziehen, ist sinnfrei.

 

Und, um ein verbreitetes Missverständnis hier noch einmal anzusprechen: Die alleinige Blutzuckereinstellung stellt noch keine vollständige Therapie des Diabetes dar. Da auch eine optimale Blutzuckerkontrolle die Betroffenen kaum vor den Makroangiopathien, also vor Herzinfarkten, Schlaganfällen und anderen Gefässerkrankungen schützt, gehört zum vollständigen Programm auch immer die Überprüfung und Behandlung des Blutdrucks und die der Blutfettwerte.

HbA1c-Messung

Die Bestimmung des HbA1c-Wertes ist die aussagekräftigste Untersuchung bei der Beurteilung der Stoffwechsellage. Wir hatten Ihnen diesen Test weiter oben, in der Sektion "Diagnose des Diabetes", bereits vorgestellt.

 

Der HbA1c-Wert gibt die durchschnittliche Höhe des Blutzuckers der letzten 3 Monate wieder. Er wird als Prozentzahl angegeben, die jedoch leicht in den durchschnittlichen Blutzucker der letzten 3 Monate umgerechnet werden kann. In der diabetologischen Praxis wird der HbA1c-Wert in der Regel direkt bei der Visite bestimmt, damit gebenenfalls notwendige Änderungen der Therapie sofort besprochen und umgesetzt werden können.

 

Die Höhe des HbA1c korrelliert gut mit der Wahrscheinlichkeit, eine mikroangiopathische Folgeerkrankung zu erleiden. Um einen ausreichenden Schutz zu erzielen, wird für die meisten Diabetiker als Ziel der Therapie das Erreichen eines HbA1c von weniger als 7% angesehen. Weicht der HbA1c mehrfach deutlich von diesem Ziel ab, so muss die Therapie optimiert oder grundsätzlich umgestellt werden.

 

Eine Vielzahl weiterer Faktoren kann aber den HbA1c-Zielwert, der für einen individuellen Patienten verfolgt wird, beeinflussen. So versucht man z.B. bei sehr jungen Menschen einen HbA1c-Wert möglichst Nahe an der Norm zu erreichen, da bei ihnen das Risiko für Folgeschäden des Diabetes besonders hoch ist. Bei älteren Menschen mit spätem Beginn des Diabetes ist das Risiko für Folgeschäden hingegen niedriger, während das Risiko zunimmt, unter einer intensiven Diabetestherapie eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) zu erleiden. In diesen Fällen kann auch ein etwas höherer HbA1c-Wert toleriert werden, z.B. als Ziel ein HbA1c von < 8% definiert werden.

 

Der HbA1c kann leicht in den durchschnittlichen Blutzucker der letzten 3 Monate umgerechnet werden. Die Fomel lautet: (HbA1c x 28.7) – 46.7 = durchschnittlicher Blutzucker (in mg/dl). Die folgende Tabelle gibt Ihnen eine Übersicht, wie HbA1c und durchschnittlicher Blutzucker korrelieren:

HbA1c-Wert Durchschnittlicher Blutzucker
6.0 % 126 mg/dl
7.0 % 154 mg/dl
8.0 % 183 mg/dl
9.0 % 212 mg/dl
10.0 % 240 mg/dl

Was tun, wenn der HbA1c zu hoch ist?

Wie oben beschrieben, wird für die meisten Diabetiker das Erreichen eines HbA1c-Wertes von < 7% als Ziel der Therapie angesehen. Aber was bedeutet es für Sie, wenn ihr gemessener HbA1c-Wert mehrfach deutlich darüber liegt, beispielsweise bei über 8%?

 

Ein HbA1c-Wert, der längerfristig über 7% liegt, bedeutet ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Folgeschäden. Je höher der HbA1c-Wert liegt, um so stärker steigt das Risiko an. Spätestens, wenn der HbA1c-Wert in der Kontrolle diesen Wert mehrfach deutlich überschritten hat, sollte die Therapie weiter intensiviert werden. Intensiviert werden bedeutet in der Regel, dass ein neues Medikament hinzugefügt oder ein bestehendes in seiner Dosis erhöht werden muss.

 

In vielen Fällen findet diese Intensivierung der Therapie aber leider viel zu spät statt. Insbesondere wird die häufig notwendige Einleitung einer Insulintherapie aufgrund von Ängsten und Widerständen der Patienten immer wieder aufgeschoben und erst dann durchgeführt, wenn bereits Folgeerkrankungen wie Augen-, Nerven- oder Nierenschäden eingetreten sind. Viele Betroffene nehmen dadurch schweren Schaden und das Ziel der Therapie, ihre Gesundheit zu erhalten, kann nicht mehr erreicht werden.

Blutzucker-Selbstmessung

Ein weiteres Kriterium für die Güte der Blutzuckerkontrolle ist die Blutzuckermessung durch den Patienten. Heute erhalten viele Diabetiker ein Blutzuckermessgerät, um ihren Stoffwechsel selber kontrollieren zu können. Vorteil der Blutzuckerselbstmessung ist die unmittelbare Verfügbarkeit des Resultates. 

 

Vor allem Patienten, die Insulin spritzen, sollten immer ein Blutzuckermessgerät haben, damit sie ihre Therapie optimal steuern können. Aber auch bei mit Tabletten behandelten Patienten kann eine Selbstmessung häufig hilfreich sein. So können Patienten damit lernen, welche Nahrungsmittel sich bei Ihnen stärker auf den Blutzucker auswirken, wie sich ihr Blutzuckerspiegel durch Sport beeinflussen lässt und anderes mehr. Der Arzt kann aus den Ergebnissen der Selbstmessung viele wertvolle Informationen ableiten und damit die Therapie für den Patienten individualisieren.

 

Nicht in allen Fällen ist eine Blutzuckerselbstmessung aber sinnvoll. Bei Patienten, die mit einer einfachen Tablettentherapie, z.B. mit Metformin, gut kontrollierte HbA1c-Werte aufweisen, ist das therapeutische Ziel bereits erreicht. Aus den Ergebnissen einer Selbstmessung ergäbe sich damit keine unmittelbare Konsequenz, da es ja keinen Grund gibt, die Therapie zu verändern. In so einem Fall ist es ausreichend, alle 3 Monate den HbA1c-Wert zu kontrollieren und erst dann eine Selbstmessung zu veranlassen, wenn der Langzeitwert über den Zielbereich ansteigt und die Therapie somit überprüft und intensiviert werden muss.

Die Blutzuckermessung mit einem Handgerät dauert heute nur noch wenige Sekunden und erfordert lediglich einen winzigen Blutstropfen.
Abbildung: Blutzucker-Selbstmessung