Therapie des Diabetes

Während beim Typ 1-Diabetes nur eine Behandlung mit Insulin in Frage kommt, besteht bei der Behandlung des weitaus häufigeren Typ 2-Diabetes ein grosses Spektrum therapeutischer Optionen. Die Entscheidung, welche Therapie zur Anwendung gelangt, wird dabei von verschiedenen Faktoren beeinflusst, wie z.B. Alter des Patienten, Krankheitsstadium, dem Vorhandensein diabetischer Folgeschäden oder anderer Erkrankungen, Beruf, Lebensstil und vielen anderen.

Wichtig ist es sich zu vergegenwärtigen, dass eine vollständige Therapie des Diabetes nicht nur aus der alleinigen Blutzuckersenkung besteht. Denn, wie im Kapitel "Folgeschäden" bereits beschrieben wurde, erzielt man mit der Einstellung des Blutzuckers zwar einen effektiven Schutz vor den Nerven-, Nieren- und Augenschäden des Diabetes, beeinflusst das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Gefässverschluss-Erkrankungen aber nur unwesentlich.

 

Dieses Kapitel kann Ihnen nur eine kurze Übersicht über die elementaren Grundlage der Diabetes-Therapie geben. Um die für Sie persönlich richtige Behandlung zu finden, sollten Sie sich immer von einem Arzt beraten lassen.


Die Basis der Therapie: Ernährung, Bewegung und Schulung

Die Basis der Therapie muss immer darin bestehen, die Ursachen der Erkrankung anzugehen. Da Übergewicht und Bewegungsmangel zwei wesentlichen Faktoren sind, die zu der geradezu epidemischen weltweiten Verbreitung des Diabetes führen, sollte immer ein ernsthafter Versuch unternommen werden, eine zumindest moderate Gewichtsabnahme zu erzielen und ein regelmässiges Bewegungsprogramm aufzunehmen. Schon wenige Kilo Gewichtsreduktion und eine Steigerung der körperlichen Aktivität (z.B. durch einen ausgedehnten Spaziergang jeden Tag) können den Stoffwechsel entscheidend besser und ein stetig weiteres Fortschreiten der Erkrankung bremsen. Eine Diabetesschulung hilft dem Diabetiker, die Mechanismen der Erkrankung besser zu verstehen und wichtige Fragen des Alltags zu beantworten, z.B. betreffend der Auswahl der richtigen Nahrungsmittel.


Diese drei Elemente - Ernährung, Bewegung, Schulung - sind effektiver in der Stoffwechselkontrolle als viele Medikamente und packen zudem die Erkrankung bei ihrer Wurzel. Verlassen Sie sich deshalb als Diabetiker nicht darauf, alleine durch die richtige Medikation könne ihr Diabetes dauerhaft kontrolliert werden. Ohne ihr eigenes Zutun und die Bereitschaft, Lebensgewohnheiten zu überdenken und dauerhaft zu ändern, kann auch die beste Medikation das Fortschreiten der Erkrankung nur bremsen, nicht aber aufhalten. Leider ist in der Praxis zu beobachten, dass viele Menschen mit Diabetes gar nicht wissen, wieviel sie selber bewegen könnten.


Behandlung mit Tabletten (orale Antidiabetika) oder Inkretinen

Die Behandlung mit blutzuckersenkenden Tabletten ist in der Regel die nächste Stufe der Therapie, wenn sich durch vermehrte Bewegung, Umstellung der Ernährung und Gewichtsabnahme keine ausreichende Besserung erzielen lässt.

 

Für übergewichtige Typ 2-Diabetiker wird von Anfang an, als Teil der Basistherapie, das Medikament Metformin empfohlen. Metformin hat in Studien gezeigt, dass es das Fortschreiten des Diabetes bremsen kann, ist gut verträglich, sicher und kann zudem zu einer leichten Gewichtsabnahme führen.

 

Welches Medikament dann das zweite sein sollte, wenn Metformin alleine nicht ausreicht, um den Blutzucker zu kontrollieren, darüber sind sich die Gelehrten nicht einig. Das wichtigste ist aber: Reicht ein Medikament nicht aus, um den Stoffwechsel zu kontrollieren, muss die Therapie intensiviert werden. So können z.B. verschiedene Tabletten kombiniert werden, um die Wirkung zu verstärken. Und  lässt sich auch so keine ausreichende Kontrolle erzielen, ist es sinnvoll, eine Behandlung mit Insulin hinzuzufügen, der effektivsten Therapie des Diabetes überhaupt!

 

GLP-I-Analoga (Inkretine)

Eine Sonderstellung zwischen der Behandlung mit Tabletten und der Injektion von Insulin nehmen die GLP-I-Analoga (auch Inkretine genannt) ein. Sie sind eine relativ neue Substanzklasse und eine der interessantesten Entwicklungen der letzten Jahre.  
GLP-I (Glucagon-Like-Peptide-I) ist ein Hormon, das in der Darmschleimhaut nach der Nahrungsaufnahme produziert wird und als Reaktion auf die Mahlzeit die körpereigene Insulinausschüttung anregt. Gleichzeitig hemmt es die Produktion des Hormons Glukagon, welches ein ebenfalls in der Bauchspeicheldrüse produzierter Gegenspieler des Insulins ist. Das natürliche GLP-I , wie es der Körper selber bildet, ist nach der Ausschüttung aber nur wenige Minuten wirksam und ist deshalb zur Therapie des Diabetes nicht geeignet. 

Die zur Diabetestherapie verwendeten GLP-I-Analoga sind Medikamente, die die Wirkung des körpereigenen GLP-I aufweisen, aber über eine längere Wirkdauer verfügen. Eine Besonderheit der GLP-I-Analoga ist, dass sie wie Insulin subcutan gespritzt werden müssen. Das grosse Interesse, welches aktuell an dieser Art von Medikamente besteht ist unter anderem darin begründet, dass die meist übergewichtigen Patienten unter Ihnen eine leichte Gewichtsabnahme erfahren. Sie verursachen zudem keine Unterzuckerungen.

 

Eine Übersicht über die, ausser dem Insulin, verfügbaren Medikamente gibt Ihnen die folgende Tabelle.

Die Tabelle gibt eine Übersicht über die verschiedenen Medikamente, die zur Therapie des Diabetes angewendet werden können und zeigt ihre wichtigsten Vor- und Nachteile auf.

 

Abbildung: Blutzuckersenkende Tabletten und GLP-I-Analoga (s.o.) in der Übersicht.


Insulintherapie

Insulin ist nach wie vor die mit Abstand wirkungsvollste Therapie des Diabetes. Die Injektion von Insulin ist einfach, schmerzfrei und schnell zu erlernen. Eine Insulintherapie kann ganz individuell auf die Ansprüche und den Lebensstil des Patienten abgestimmt werden. Bei einer einfachen Form der Insulintherapie wird z.B. nur ein langwirksames Insulin vor der Nachtruhe angewendet und Anhand der morgendlichen Blutzuckerwerte vom Patienten selber gesteuert. So lässt sich mit minimalem Aufwand eine erhebliche Verbesserung der Blutzuckerkontrolle erzielen. Andere Therapieformen setzen kurzwirksames Insulin zu den Mahlzeiten ein, um ein Ansteigen des Blutzuckers nach dem Essen zu verhindern.

 

Die meisten langjährigen Diabetiker benötigen mit Fortschreiten ihrer Erkrankung irgendwann eine ergänzende Insulingabe. Leider wird die dann notwendige Einleitung einer Insulintherapie häufig viel zu lange, nicht selten über Jahre, herausgezögert. Verantwortlich dafür sind meist Ängste und Widerstände des Patienten, die auf Missverständnissen und Fehlinformationen beruhen und manchmal auch mangelnde Erfahrung mit der Anwendung von Insulin seitens der betreuenden Ärzte. Durch diese Verzögerung kommt es regelmässig zum Auftreten von Folgeschäden des Diabetes, die bei rechtzeitiger Therapieumstellung hätten verhindert werden können. So kommt Insulin nicht selten erst dann zum Einsatz, wenn die Nierenfunktion fast verloren ist und die Dialyse bevorsteht, wenn das Augenlicht erlischt oder wenn quälende Nervenschmerzen die Betroffenen Nachts nicht mehr schlafen lassen. Die Vermeidung genau dieser Zustände ist aber die eigentliche Aufgabe eines Diabetologen. Und deshalb ist es auch so frustrierend, jeden Tag sehen zu müssen, dass die richtige Therapie erst dann zum Einsatz kommt, wenn es schon zu spät ist, sie zu verhindern!

 

Also: Haben Sie keine Angst vor dieser wirkungsvollsten Therapie des Diabetes! Lassen Sie sich rechtzeitig mit Insulin behandeln und bleiben Sie so gesund!

Durch moderne Insulinspritzen ("Pens") ist die Injektion eine einfache und schmerzlose Angelegenheit.
Durch moderne Insulinspritzen ("Pens") ist die Injektion eine einfache und schmerzlose Angelegenheit.