Katecholamin-Überproduktion: Phäochromozytom

Das Phäochromozytom ist ein seltener Tumor, der zu einer Überproduktion der Stresshormone des Nebennierenmarkes, der Katecholamine, führt. Die meisten Phäochromozytome sind in der Nebenniere selber gelegen. Sie können aber auch an anderen Stellen des Körpers vorkommen, in denen sich die Nervenzellen des "sympathischen Nervensystems" finden, also auch im Hals, im Brustraum oder im Bauch.

 

Das Phräochromozytom ist in etwa 90% der Fälle ein gutartiges Geschwulst. Die unkontrollierte Freisetzung von Katecholaminen aus dem Tumor kann bei den Betroffenen aber zu schweren, im Extremfall sogar lebensbedrohlichen Krisen führen, weshalb alle Verdachtsfälle endokrinologisch abgeklärt werden sollten.

Symptome

Wichtigster und bekanntester Vertreter der Katecholamine ist das Hormon Adrenalin. Welche Wirkung dieses wichtige Stresshormon auf unseren Körper hat, spüren wir, wenn wir uns erschrecken: Wir werden bleich, schwitzen, unser Herz rast, unser Blutdruck steigt. Alle diese Reaktionen sollen unseren Körper normalerweise auf eine plötzliche Flucht einstellen, wenn wir eine Gefahrensituation erkennen. Bei Patienten, die aufgrund eines Phäochromozytoms eine Überproduktion von Katecholaminen aufweisen, kann die schubweise Freisetzung dieser Hormone zum schlagartigen Auftreten von Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Blässe, Schwitzen, Herzrasen und Angst führen. Da die resultierenden Symptome auch als Panikattacke, also als psychisches Problem missgedeutet werden können, wird die Erkrankung häufig länger nicht erkannt.

 

Aber nicht in jedem Fall führt das Phächromozytom zu den genannten Anfällen. Fast ebensohäufig findet sich bei den Betroffenenen eine kontinuierlichere Freisetzung der Katecholamine, so dass dann einer gleichmässige, andauernde Erhöhung des Blutdrucks resultiert.

 

Die folgende Tabelle gibt eines Übersicht über die typischen Symptome der Erkrankung:

Symptome bei Phäochromozytom

Klassische Symptom-"Triade": Schlagartiges Auftreten von Anfällen mit Kopfschmerzen, Schwitzen und Herzrasen (Tachykardie). Häufig auch Blässe und Angstgefühle während des Anfalls.

Bluthochdruck:
Wiederholte, krisenhafte Blutdruckentgleisungen, aber auch dauerhaft erhöhter Blutdruck möglich. 15% der Betroffenen haben einen normalen Blutdruck!

Sekundärer Diabetes mellitus: Hormonell bedingter Diabetes, normalisiert sich nach erfolgreicher Behandlung eines Phäochromozytoms

Ursachen des Phäochromozytom

In den meisten Fällen (etwa 80-85%) ist die Ursache der Tumorentstehung nicht bekannt. In 15-20% der Fälle besteht hingegen ein genetischer Defekt, der zur Tumorentstehung führt. Es handelt sich dabei um erbliche Erkrankungen, so dass sich dann in der Familie eventuell weitere Fälle von Phäochromozytomen finden. Beispiele für solche genetischen Störungen sind das MEN 2-Syndrom oder das Von-Hippel-Lindau-Syndrom, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden kann. Diese erblichen Formen des Phäochromozytoms treten typischerweise schon im jungen Lebensalter auf. Sie sind häufiger multizentrisch, es kann also zum gleichzeitigen Auftreten von Phäochromozytomen an mehreren Stellen des Körpers kommen, z.B. in beiden Nebennieren.

Eine genetische Untersuchung auf ein erbliches Krankheitsbild ist möglich und wird in den folgenden Fällen empfohlen:

  • Andere Fälle von Phäochromozytom in der Familie
  • Auftreten eines Phäochromozytoms vor dem 20.Lebensjahr
  • Befall beider Nebennieren oder Tumorlokalisation ausserhalb der Nebennieren

Zeigt sich bei der Genuntersuchung eine erbliche Form Erkrankung, kann bei blutsverwandten Familienmitgliedern geklärt werden, inwieweit auch sie von der Störung betroffen sind.

Diagnostik bei Verdacht auf Phäochromozytom

Wie immer in der Endokrinologie sollte die erste Frage lauten: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung vorliegt? Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über klinische Hinweiszeichen auf ein Phäochromozytom, bei deren Vorliegen eine weitere Abklärung sinnvoll ist. Je mehr dieser Kritierien ein Patient aufweist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich ein Phäochromozytom vorliegt.

Hinweiszeichen für Phäochromozytom

Auftreten klassicher "adrenerger Krisen" mit Bluhochdruck, Schwitzen, Kopfschmerzen, Herzrasen, Blässe und Angst

Medikamentös schwer einstellbarer Bluthochdruck

Familiengeschichte für ein Phäochromozytom oder ein genetisches Krankheitsbild, welches mit Phäochromozytom assoziiert ist
Vorliegen eines zufällig entdeckten Nebennierentumors (adrenales Inzidentalom)
Bluthochdruck in jungem Lebensalter (Alter < 20 Jahre bei Krankheitsbeginn)
Blutdruckkrisen während Narkosen oder operativen Eingriffen

Besteht wegen des Vorliegens einer oder mehrerer dieser Zeichen ein Grundverdacht auf das Vorliegen der Erkrankung, wird eine hormonelle Diagnostik veranlasst. Durch diese muss zuerst bewiesen, dass eine Überproduktion von Katecholaminen tatsächlich auch vorliegt.

Die am häufigsten verwendete Untersuchungsmethode ist dabei die Messung der Ausscheidung der Katecholamine und ihrer Abbauprodukte (Metanephrine) im Urin, der dafür vom Patienten über eine 24-Stunden Periode gesammelt werden muss. Ebenfalls möglich ist eine Bestimmung der Abbauprodukte der Katecholamine im Blut (sog. Plasma-Metanephrine). Ergibt ein Test kein eindeutiges Ergebnis, kann bei fortbestehendem Verdacht eine Wiederholung der Untersuchung während oder unmittelbar nach einem Anfall angeschlossen werden. Achtung: Einige Medikamente können die Untersuchung stören und müssen vor der Diagnostik pausiert werden.

 

Erst wenn der hormonelle Beweis einer Katecholamin-Überproduktion erbracht ist, schliesst sich eine Lokalisationsdiagnostik an, mit der die Lage des Tumors nachgewiesen werden soll. Dazu wird eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRI) von Bauch und Becken durchgeführt. In den meisten Fällen lässt sich der Tumor damit nachweisen.

Lässt sich der Tumor im CT oder MRI nicht darstellen, kann eine MIBG-Szintigraphie Klärung bringen. Bei dieser Untersuchung, die durch einen Nuklearmediziner durchgeführt wird, wird dem Patienten ein Stoff verabreicht, welcher von Phäochromozytomzellen vermehrt aufgenommen wird. Dieser Stoff, das MIGB, wird mit einem schwach radioaktiven Molekül gekoppelt, so dass dann mit einer Strahlenkamera sichtbar gemacht werden kann, wo im Körper der Stoff vor allem eingelagert wurde. Findet sich eine verstärkte Speicherung irgendwo im Körper, entspricht dies wahrscheinlich der Lage des Tumors.

MIBG-Szintigraphie bei Phäochromozytom

Therapie des Phäochromozytom

Die Therapie der Erkrankung besteht immer in der vollständigen chirurgischen Entfernung allen Tumorgewebes. Extrem wichtig ist eine gründliche medikamentöse Vorbehandlung der Patienten vor der Operation. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen müssen spezielle blutdrucksenkende Medikamente verabreicht werden, die das Auftreten von Blutdruckkrisen während des Eingriffs verhindern sollen. Durch die Manipulation des Tumors während der Operation können nämlich aus diesem Katecholamine "herausgequetscht" werden - mit der Folge schlagartiger Entgleisungen von Blutdruck, Herzschlag und dem Auftreten von Herzrhythmusstörungen. Ohne eine sorgfältige medikamentöse Vorbehandlung kann die Operation deshalb lebensgefährlich sein!

 

Bei gutartigen Phäochromozytomen, also in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle, ist die Erkrankung nach Resektion des Tumors geheilt. Die selteneren bösartigen Phäochromozytome können nicht mehr geheilt werden, wenn sie einmal im Körper gestreut haben. Es ist aber auch dann immer noch empfehlenswert, möglichst viel Tumorgewebe chirurgisch zu entfernen, da sich so das Risiko für hormonell bedingte Blutdruckkrisen reduzieren lässt. Neuroendokrine Tumore wie das Phäochromozytom haben in der Regel ein langsames Wachstumsverhalten, so dass auch Patientin mit bereits erfolgter Metastasierung häufig noch ein längeres und nicht selten sogar weitgehend beschwerdfreies Leben führen können.