Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)

Bei der Hyperthyreose schüttet die Schilddrüse unkontrolliert überhöhte Mengen ihrer Hormone aus. Dies führt zu Beschwerden, die sich genau gegenteilig zu den Symptomen der im vorigen Kapitel besprochenen Hypothyreose verhalten: Während der Körper bei der Unterfunktion auf Sparflamme läuft und alle Stoffwechselprozesse verlangsamt sind, läuft bei der Überfunktion der gesamte Stoffwechsel auf Vollgas. Obwohl die Hyperthyreose nicht ganz so häufig wie die Hypothyreose ist, ist sie aber dennoch ein verbreitetes Krankheitsbild.

Schweregrade der Hyperthyreose

Wie bei der Unterfunktion unterscheidet man auch bei der Schilddrüsenüberfunktion zwei Schweregrade:

 

  • Die Neigung zur Überfunktion, die subklinische Hyperthyreose. Definitionsgemäss findet sich bei dieser Störung im Schilddrüsenlabor nur ein erniedrigtes Steuerhormon TSH. Die Werte für die eigentlichen Schilddrüsenhormone (T3 und T4) liegen im Normbereich. Die meisten Patienten haben bei dieser leichten Störung noch keine Beschwerden.

 

  • Die echte Überfunktion, manifeste Hyperthyreose. In diesem Falle ist nicht nur das Steuerhormon TSH erniedrigt, die Spiegel der Schilddrüsenhormone T3 und T4 sind auch erhöht.

Symptome der Hyperthyreose

Ein Überschuss an Schilddrüsenhormonen führt zu einer Beschleunigung praktisch aller Stoffwechselprozesse des menschlichen Körpers: Das Herz schlägt schneller, die Atmung ist beschleunigt, die Verdauung läuft schneller ab. Die Betroffenen fühlen sich nervös, schlafen schlecht, schwitzen vermehrt und verlieren nicht selten auch an Gewicht.

 

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über typische Symptome einer Hyperthyreose.

Symptome der Hyperthyreose
Allgemeinbeschwerden: Nervosität, Schlafstörungen, zitternde Hände (Tremor), Hitzeintoleranz, Gewichsverlust
Neurologische Veränderungen: Konzentrationsschwäche, evtl Depression, Übererregbarkeit, Persönlichkeitsveränderung, in seltenen Extremfällen psychotische Zustände (Halluzinationen) bis zum Delirium
Hauterscheinungen: Feuchte Haut, vermehrtes Schwitzen
Veränderungen der Sexualfunktion: Ausbleiben der Regelblutung bei der Frau, Fertilitätsstörungen. Beim Mann: Impotenz, verminderte Libido
Herz-Gefäss-System: Erhöhte Herzfrequenz, erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck
Stoffwechselveränderungen: Erhöhte Blutzuckerwerte (sekundärer Diabetes mellitus)
Verlust an Knochenmasse bis zur Osteoporose
Die Intensität der Beschwerden hängt dabei natürlich zum einen davon ab, wie stark erhöht die Schilddrüsenhormone im Blut sind, zum anderen gibt es aber grosse individuelle Unterschiede: Einige Menschen haben trotz stark erhöhter Hormonwerte kaum Beschwerden, andere leiden hingegen schon bei einer leichteren Überfunktion unter starken Symptomen.

Ursachen der Hyperthyreose

Die Ursachen einer Schilddrüsenüberfunktion lassen sich in zwei grosse Gruppen von Erkrankungen einteilen:

  • In den meisten Fällen produziert die Schilddrüse aktiv überhöhte Mengen von Schilddrüsenhormon. Sowohl der Morbus Basedow als auch die Schilddrüsenautonomie gehören zu dieser Gruppe von Erkrankungen. Die Mehrzahl der Fälle einer Hyperthyreose wird durch diese beiden Krankheitsbilder verursacht, sie werden deshalb unten ausführlich vorgestellt.
  • Seltener kann es zu einer passiven Freisetzung von Hormon kommen. In diesem Fall stellt die Schilddrüse zum Zeitpunkt der Erkrankung gar kein Hormon mehr her. Durch eine Schädigung von Schilddrüsenzellen tritt aber das in den Schilddrüsenfollikeln gespeicherte Hormon in das Blut über - also gleichsam ein "Leck" im Bereich der Hormonspeicherung. Ein Beispiel hierfür ist die Thyreoiditis de Quervain.

Um diese beiden Mechanismen der Überfunktion voneinander zu unterscheiden, kann eine Schilddrüsenszintigraphie in unklaren Fällen hilfreich sein (siehe auch Untersuchungsverfahren):

  • Bei Erkrankungen, bei denen aktiv vermehrt Hormon produziert wird, besteht eine gesteigerte Aufnahme von radioaktivem Jod in der Szintigraphie. Diese gesteigerte Aktivität der Schilddrüse lässt sich auf dem Szintigramm erkennen: Alle Anteile der Schilddrüse, die gerade Hormone produzieren, bilden sich kräftig ab.
  • Bei den Erkrankungen, bei denen das gespeicherte Hormon nur passiv aus geschädigten Zellen freigesetzt wird, produziert die Schilddrüse zum Zeitpunkt der Erkrankung hingegen gar kein Hormon mehr, dementsprechend nimmt sie auch kein Jod mehr auf. Auf dem Szintigramm erscheint die Schilddrüse somit nur schwach oder gar nicht.

Im folgenden Abschnitt möchte ich Ihnen drei typische Ursachen einer Schilddrüsenüberfunktion näher vorstellen: Den Morbus Basedow, die Schilddrüsenautonomie und die Thyreoiditis de Quervain.


Morbus Basedow

Der Morbus Basedow ist eine häufige Ursache der Schilddrüsenüberfunktion. Die Erkrankung tritt vor allem bei jüngeren Erwachsenen auf, kann aber in jedem Lebensalter vorkommen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Wie auch die Hashimoto-Thyreoiditis ist der Morbus Basedow eine Autoimmunerkrankung: Auch hier ist ein Angriff des körpereigenen Immunsystems der Auslöser der Erkrankung. Ähnlich wie bei der Hashimoto-Thyreoiditis kommt es auch beim Morbus Basedow zu einem Einwandern von Abwehrzellen, sog. Lymphozyten in die Schilddrüse, die eine schmerzlose Schilddrüsenentzündung hervorrufen. Der Morbus Basedow hat aber eine Besonderheit, die ihn von anderen Autoimmunerkrankungen unterscheidet: Die beim Morbus Basedow produzierten Abwehrstoffe (Antikörper) zerstören das Schilddrüsengewebe nicht, im Gegenteil: Sie regen es zu vermehrter Hormonproduktion an. Wie geht das? Diese Besonderheit entsteht dadurch, dass die beim Morbus Basedow produzierten Antikörper dem Hormon TSH, welches die Schilddrüse normalerweise anregt, so sehr ähneln, dass sie an die TSH-Rezeptoren der Schilddrüsenzellen binden können. Die Schilddrüse "glaubt" deshalb, sie werde zu vermehrter Tätigkeit angeregt und beginnt unkontrolliert überhöhte Mengen an Hormonen auszuschütten. Diese speziellen Antikörper werden TSH-Rezeptor-Antikörper, TRAK, genannt.

Schilddrüsenszintigraphie bei Morbus Basedow
Schilddrüsenszintigraphie bei Morbus Basedow

 

 

 

 

Abbildung: Da beim Morbus Basedow die gesamte Schilddrüse aktiv überhöhte Mengen von Hormon produziert, stellt sich in der Szintigraphie, die ja eine Darstellung der Aktivität der Hormonproduktion ist, die gesamte Schilddrüse gleichmässig dar. Die nebenstehende Abbildung zeigt einen solchen Fall.

Bei den meisten Patienten mit einem Morbus Basedow besteht eine vergrösserte Schilddrüse (Struma). Nicht selten kann der Morbus Basedow auch mit einer Augenerkrankung, der Endokrinen Orbitopathie einhergehen. Diese führt zu einer Schwellung im Bereich der Augenhöhlen, wodurch die Augen nach aussen gedrängt werden. Für die Patienten äussert sich das in einem Vorspringen der Augen mit Irritationsgefühl, Brennen und Tränen. In ausgeprägteren Fällen können Sehstörungen mit Doppelbildern auftreten. Die Augenerkrankung kann einen von der Schilddrüsenüberfunktion unabhängigen Verlauf nehmen: Sie kann der Überfunktion vorausgehen, gleichzeitig mit ihr Auftreten oder sich auch erst zeigen, wenn die Schilddrüse schon gar keine Probleme mehr macht.

 

Die Therapie des Morbus Basedow besteht in den meisten Fällen zunächst aus der Gabe von Medikamenten (Thyreostatika), die die Hormonproduktion der Schilddrüse unterdrücken. Diese Therapie wird meist über einen Zeitraum von 12-18 Monaten forgesetzt, da nicht selten in dieser Zeit die Erkrankung von selber zur Ruhe kommt. Kommt es nach Abschluss der Therapie zu einem Rückfall, muss eine definitive Sanierung der Schilddrüse geplant werden. Dies geschieht meist mit einer Radiojodtherapie, kann aber auch durch eine operative Verkleinerung der Schilddrüse erfolgen.

Schilddrüsenautonomie

Die wichtigste Ursache der Überfunktion im mittleren bis höheren Lebensalter ist die Schilddrüsenautonomie. Der Begriff Autonomie bedeutet, dass Teile der Schilddrüse Hormone produzieren, ohne dass ihnen das Steuerhormon TSH den Befehl dazu gegeben hätte. Zur Erinnerung: Eine gesunde Schilddrüsenzelle produziert gar kein Hormon, wenn sie nicht durch TSH dazu aufgefordert wird!.


Hauptursache der Schilddrüsenautonomie ist der chronische Jodmangel, die Erkrankung tritt deshalb in Jodmangelgebieten häufiger auf. Durch einen lange bestehenden Jodmangel kommt es es zunächst zu einer Schilddrüsenvergrösserung (Struma diffusa). Über die Jahre bilden sich in der vergrösserten Schilddrüse zunehmend knotige Veränderungen, es entsteht eine Knotenstruma (Struma nodosa). Dies bleibt von den Betroffenen meist unbemerkt.

 

Einige der entstandenen Schilddrüsenknoten neigen dazu, sich über Jahre zunehmend unabhängig von der normalen Steuerung der Schilddrüse zu machen: Anders als das gesunde Schilddrüsengewebe benötigen sie kein TSH mehr, um ihre Hormonproduktion anzuregen. Um die Gesamtmenge von Schilddrüsenhormon im Blut im Normbereich zu halten, senkt der Körper das Steuerhormon TSH ab, wodurch die gesunden Anteile der Schilddrüse weniger Hormon produzieren. Untersuchen wir das Blut der Betroffenen, zeigt sich also zunächst ein erniedrigtes TSH bei noch normalen Schilddrüsenhormonwerten, also eine subklinische Hyperthyreose.

 

Mit fortschreitender Erkrankung kann die Hormonproduktion der Knoten so stark werden, dass die gesunden Anteile der Schilddrüse die Herstellung von Hormonen vollständig einstellen und nur noch die Knoten Hormon produzieren. In diesem Fall ist das TSH vollständig unterdrückt. Jede weitere Steigerung der Hormonausschüttung der Knoten kann dann nicht mehr ausgeglichen werden, es entsteht kommt zur manifesten Hyperthyreose.

Schilddrüsenautonomie
Szintigramm eines autonomen Knotens

 

 

Abbildung: Diese Szintigraphie zeigt einen autonomen Knoten, der die gesamte Produktion an Schilddrüsenhormon übernommen hat. Dadurch, dass der Körper das anregende Steuerhormon TSH ganz abgestellt hat, produzieren die gesunden Anteile der Schilddrüse gar kein Hormon mehr und sind deshalb auf der Szintigraphie nicht sichtbar.

Zur Therapie der Schilddrüsenautonomie ist die Radiojodtherapie besonders elegant: Da nur die kranken Schilddrüsenzellen das radioaktive Jod aufnehmen, lassen sie sich so sehr gezielt ausschalten, während die gesunden Zellen geschont werden.

Thyreoiditis de Quervain

Die Thyreoiditis de Quervain ist eine wesentlich seltenere Ursache einer Schilddrüsenüberfunktion, als die beiden zuerst genannten Erkrankungen. Sie ist aber das Paradebeispiel für eine Erkrankung, bei der das Schilddrüsenhormon nicht aktiv gebildet wird, sondern passiv aus der geschädigten Schilddrüse austritt.

 

Als Ursache der Erkrankung vermutet man eine Auslösung durch eine virale Infektion. Viele der betroffenen Patienten haben in den Wochen vor Krankheitsbeginn einen Virusinfekt, meist der Atemwege (z.B. eine Bronchitis), durchgemacht. Es sind aber wahrscheinlich nicht die Viren selber, die die Schilddrüse angreifen; vielmehr geht man heute davon aus, dass der Virusinfekt eine falsche Aktivierung des Immunsystems bewirkt, die dann zur Entzündung der Schilddrüse führt.

 

Die Erkrankung hat meist einen typischen dreiphasigen Verlauf:

  • In der ersten Krankheitsphase kommt es zu einer starken Schilddrüsenschwellung und zur Überfunktion. Die Schilddrüse ist dabei sehr häufig auch schmerzhaft, was eine Besonderheit der Thyreoiditis de Quervain ist: Alle anderen häufigen Formen der Schilddrüsenentzündung sind schmerzfrei.
  • Nach Abklingen der akuten Erkrankung kann sich eine Phase der Schilddrüsenunterfunktion anschliessen.
  • Schliesslich kommt es zur Ausheilung. Nur selten bleibt eine behandlungsbedürftige Schilddrüsenunterfunktion zurück.
Szintigraphie bei Thyreoditis de Quervain
Szintigraphie bei Thyreoditis de Quervain
 
 
Abbildung: Der typische Befund einer Thyroiditis de Quervain. Da die Schilddrüsen-Sintigraphie die Orte der Hormonproduktion sichtbar macht und bei dieser Erkrankung das Hormon gar nicht aktiv produziert, sondern nur passiv freigesetzt wird, stellt sich die Schilddrüse auf dem Szintigramm gar nicht dar.
Die Therapie der Thyreoiditis de Quervain besteht in der Gabe entzündungshemmender Medikamente während der ersten Phase der Erkrankung. Vor allem entzündungshemmende Schmerzmittel und, bei stärkerer Erkrankung, eine kurze Therapie mit Kortison kommen zum Einsatz. Darunter kommt es in der Regel zu einem schnellen Rückgang der Beschwerden.